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Sonntag, 3. August 2025

Urians Zorn: Teil 4 - Geister Ernst

 


Ernst wird sich allmählich dem Ernst seiner Lage bewusst. Spätestens seitdem Auftritt der Polizisten ist ihm klar, daß hier alles echt ist! Schon die Sache mit der Tür war seltsam. Sie war wirklich im wahrsten Sinne des Wortes „nicht greifbar“. Seitdem hat er ebenso erfolglos versucht andere Dinge anzufassen. Als die Polizisten seine Apotheke verließen ist er noch zur Seite gegangen. Wie man das halt so macht, wenn man im Weg steht.

Dann stand er vor dem Regal mit dem wirkungslosen Zeug für die Hypochonder. Den Nahrungsergänzungsmitteln die sich so hervorragend gut verkauften. Als Kind liebte er die Rollen mit den Brausetabletten. Jetzt hätte er sich gerne eine genommen, aber… seine Hand glitt durch das Regal hindurch. So, als ob es nicht da war. Er spürte überhaupt keinen Widerstand, er konnte das Regal nicht einmal berühren. Es kamen nur noch zwei Kunden. Dann traten die Nachbarn aus den umliegenden Geschäften ein.

Aber Ernst Graumann nahm sie nur am Rande wahr. Zeit, das begriff er als erstes, war jetzt etwas anderes. Er versuchte sich an dem Betonpfeiler im Raum und spürte die Kälte des Materials, als seine Hand in den Stein eindrang.

„Na schön. Dann bin ich jetzt eben ein Gespenst“, dachte er bei sich selbst.

Er denkt an die Vampirfilme, von denen die Susi immer so geschwärmt hat, aber seine Eckzähne fühlen sich genau so an wie vorher. Na gut, er wurde vom Laster überfahren, nicht gebissen.
Er sucht seinen Puls, aber am Handgelenk ist nichts. Er tastet nach der Halsschlagader, aber auch da pocht nichts. Seine Haut ist weder warm noch kalt. Sie fühlt sich an wie immer. Er denkt daran mit einem Stethoskop auf seinem Bauch nach Verdauungsgeräuschen zu lauschen, aber das im Schrank kann er nicht greifen. Er notiert seine Beobachtungen und überlegt, was er als nächstes tun kann.

Geister-Ernst geht zum Apothekenausgang. Die Tür ist verschlossen, Susi hat lange Feierabend gemacht und ein weißer DIN-A4 Zettel klebt an der Glasscheibe neben der Tür. Er greift nach dem Türgriff, wieder nichts. Na gut. Dann eben anders. Und er geht durch die Tür, einfach so.

Theorie bestätigt, die Tür, nein.. er streicht das. Ich bin es der keine Materie hat.

Als Geister-Ernst spukt die Straße entlang. Der Bücherladen, der vor einem halben Jahr dichtgemacht hat, der Radio-Fernsehfritze, der Schreibwarenladen. Überall tritt er durch die Tür und sieht sich im Inneren um. Keine Alarmanlage schlägt an. Die Kassen sind überall offen und leer, damit Einbrecher gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen. Bei der Hamburger Sparkasse am Ende der Straße macht sein totes Herz noch einmal einen Sprung, als er wortlos durch das Glas der Eingangstür gleitet und an den Geldautomaten vorbei in die Kassenhalle geht. Die Treppe runter in den Tresorraum, und dann DURCH die massive beinahe einen halben Meter dicke Tresortür. Geld hat ihm vorher schon wenig bedeutet, jetzt ist es vollkommen belanglos. Aber seinen immateriellen Geisterkopf durch die stählernen Reihen der Bankschließfächer zu stecken und zu gucken was da drin ist, ist trotzdem zu verführerisch!

Er sieht den Inhalt, obwohl da überhaupt kein Licht in den Boxen ist. Bargeld, Schmuck, Festplatten und USB-Sticks, Fotos. Oh ein Beutelchen mit Pillen und einer mit einem weißem Pulver. Daneben liegt: eine Pistole, natürlich. Fast wie im Krimi. Ein paar Goldbarren und Krügerrand -Münzen. Geheime Unterlagen, Verträge, Testamente? Oder einfach nur Quittungen? Seltsame Porno-Magazine.
So vielfältig wie die Menschen selbst, so ist auch diese Sammlung. Oh, ein ganzer Stapel Reisepässe und ein ganzer Beutel voller Diamanten. Ein paar Smartphones, Foto-Apparate, Handy-SIM Karten, gut verpackte Micro-SD Karten. Langweilig ist es hier nicht.

Als er sich satt gesehen hat, geht er die Treppe hoch und raus auf die Straße. Er ist nicht müde,
obwohl er schon einen ganzen Tag hinter sich hat. Aber er denkt an Zu Hause und seinen gemütlichen Fernsehsessel und er wünscht sich…

Einen Augenblick, ja ein blinzeln später ist Ernst Zu Hause.

„Oh, Aha.. So geht das also“, denkt er sich. Und als ob es die natürlichste Sache der Welt wäre, setzt er sich in den Sessel und greift wie immer zur Fernbedienung. Oh, das geht ja nicht mehr! Stimmt ja.
Und anstatt dessen schreibt er in sein Notizbuch:

Notiz für die Reise zum Mond:
Wenn E = mc² war, dann ist Geist = m⁰c∞.
Keine Masse, keine Grenze, nur Geschwindigkeit.
Ich denke – und ich bin dort.

Und er wünscht sich auf den Mond. Aber das klappt nicht. Ein wenig frustriert steckt er das Notizbuch wieder ein und lehnt sich zurück. Den Kopf am Sessel entspannt er sich und fühlt zum ersten Mal seit
seinem Tod wieder etwas. Er spürt die lebenden Menschen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft.

„Faszinierend“ Würde Mr. Spock vom Raumschiff Enterprise jetzt sagen.

Die meisten von ihnen schlafen tief und fest, es ist 02:42 Uhr, also mitten in der Nacht.
Aber einige sind noch wach. Eine alte Frau sitzt traurig vor dem Fernseher, ein Pärchen hat gerade leidenschaftlichen Sex, ein Kind hat Schmerzen und weint. Alles das fühlt Ernst Graumann. Und irgendwie weiß er sofort, das ist hier im Haus. Wie eine Richtantenne tastet er die Welt ab. Erst in einem engen Winkel, dann weiter und weiter. Jede starke Emotion ein Impuls, jede Regung ein Echo. Und er weiß, mit irritierender Präzision: Da drüben, dritte Etage, Nordwestflügel, Trauer. Küche. Kaffee. Leeres Bett.

Seine Wahrnehmung hat plötzlich Richtung: kein Spüren mehr, sondern Peilen. Geisterpeilen.
Er begreift: Ich bin kein Beobachter mehr. Ich bin ein Empfänger. Eine menschliche Yagi-Antenne.
Aus Fleisch war ich und aus Wellen bin ich jetzt.

Am stärksten leuchten diejenigen, die gerade sehr emotional sind. Emotionen sind sein Sendepegel.
Je stärker der Schmerz, desto schärfer der Fokus. Freude glitzert – Wut brennt – Angst sirrt.
Ernst notiert sich diese Beobachtung nur im Geiste. Aufschreiben braucht er das nicht.

Die Sonne geht auf, und ein neuer Tag bricht an. Plötzlich spürt Geister-Ernst eine neue Präsenz.
Eine neue, die ganz anders ist. Irgendetwas unterscheidet sie deutlich von all den anderen die er
bisher abgetastet hat. Vertraut und doch bedrohlich, sanft und gut aber gleichzeitig böse und brutal.

Er konzentriert sich auf diese Entität und einen Augenblick später..

… steht er in einem Fitness-Studio. Die Uhr zeigt das es fast halb zwölf ist, aber hier ist sonst niemand. Nur zwei Handwerker. Alle Geräte sind mit Plastikfolie abgedeckt und die Luft riecht nach frischer Farbe.


... Fortsetzung folgt

 

Urians Zorn: Teil 3 - Marvin Hertz und Hinnerk Thomsen

 


Marvin Hertz – Der Resonanz-Detektor

Marvin ist 24 Jahre alt und arbeitet beim Radio- und Fernsehgeschäft Blitz, direkt neben der Apotheke von Ernst Graumann. Marvin ist brillant, aber stinkfaul. Die Schule fand er langweilig.
In einem funktionierenden Schulsystem wäre seine Hochbegabung erkannt worden, und er hätte sicher studiert. Aber in Deutschland sehen seine Lehrer nur einen faulen unmotivierten Schüler,
der es im Leben nicht weit bringen wird. Statt eines klassischen Studiums vertieft Marvin sich in Nischengebiete wie hochfrequente elektromagnetische Interferenzdiagnostik und nichtlineare Signalrekonstruktion. Begriffe, die klingen wie Magie und die für Marvin einfach nur interessant sind. Marvin atmet Technik. Er spürt Resonanzen, bevor andere sie messen können. Diese Gabe hat Marvin von seiner Oma Rosa geerbt. Einer Frau, die Geister sieht, ohne mit der Wimper zu zucken. Und die noch eine Rolle spielen wird.

Hinnerk Thomsen ist stolz wie Bolle.

Er ist mit großen schweren Landmaschinen aufgewachsen, sein Leben lang. Bis der Hof seines Vaters pleiteging. Jetzt lebt Hinnerk in der Stadt. Hinnerk ist 22 Jahre alt und hat gerade seinen LKW-Führerschein gemacht. Die Firma hat ihn, auch weil ihn dort alle mögen. Dieser freundliche Junge mit dem breiten Lächeln, der immer hilft, wenn jemand was schleppen muss.

Heute ist ein besonderer Tag, Hinnerk fährt seinen ersten Auftrag. Mit einem extra breiten Grinsen, glücklich wie eine Sau im Dreck, fährt er den nagelneuen Zementlaster. Erst gestern hat sein Chef den neuen Wagen abgeholt und heute darf ausgerechnet Hinnerk damit los, eine Baustelle beliefern. Hinnerk fährt ein bisschen schneller als erlaubt, aber nicht viel. Seine Freude strahlt so hell wie die Sonne als er auf der langen geraden Straße den Mann im weissen Kittel am Straßenrand sieht, der dicht am Fahrbahnrand steht und offenbar etwas in ein Notizbuch schreibt. Er steht lange reglos da. Aber als Hinnerk nur noch knapp fünf Meter von ihm entfernt ist, geht er los. Direkt auf die Straße!

 

Marvin arbeitet an einem nigelnagelneuen digitalen DAB+ Radio. Der Sendersuchlauf findet einen Sender mit einem statischen rauschen wie von einem alten analogen Radio und Marvin horcht auf. Etwas ist seltsam, nicht das analoge rauschen in einem rein digitalen Kanal, sondern... da ist noch etwas. Marvin setzt sich seine Kopfhörer auf, nicht die billigen Knöpfe für unterwegs, sondern die schweren Over-Ear-Kopfhörer, mit denen er die Welt ausschließt. Er dreht die Lautstärke weiter auf und dann hört er es, erst leise. Dann immer lauter: „nein, ob bitte nein, Nein! NEIN! NEEIIINN!!!!!“ eine Stimme weit entfernt und doch so nah. Sie fleht, sie jammert und schreit. Undeutlich und doch so nah. Marvins Werkstatt liegt hinten im Laden, die Tür geschlossen. Den Krach auf der Straße hört er nicht. Denn in diesem Moment wird Ernst Graumann, der Apotheker von nebenan, überfahren. Er ist hochkonzentriert, in sein Notizbuch vertieft.

Er merkt es nicht.

Er ist sofort tot.

Auch die Schreie des LKW-Fahrers kann er nicht hören. Denn der sitzt mit weit aufgerissenen Augen immer noch hinter dem Steuer seines Lasters und gibt keinen Mucks von sich. Aber die Seele des Truckers schreit! Vor Schreck und aus Mitgefühl. Er steht mit beiden Füßen auf der Bremse. Der schwere Zement-Laster ist längst zum Stehen gekommen, doch er kann nicht anders.

Seine Stimme schweigt, aber seine Seele schreit zum Gotterbarmen.

Er hat einen Mann totgefahren.

Wie in Zeitlupe erinnert sich Hinnerk an den Aufprall. Der Kotflügel vorne rechts hat ihn erwischt und der Reifen hat den hageren Mann der offenbar einen weißen Arztkittel trug zermalmt. Ohne die automatische Vollbremsung des hochmodernen LKW wäre der Reifen nur über den armen Apotheker hinweggerollt, aber dadurch, daß er gebremst hat ist der jetzt nur noch Matsch. Eine Spur aus Knochen, Fleisch und Blut. Die Polizei wird später ermitteln, daß Ernst Graumann, der jetzt eigentlich Ernst Rotmann ist, sich unter dem Laster auf 2,87 Meter längsseits verteilt hat. Daß Hinnerk keine Schuld trifft, spielt für ihn keine Rolle. Er ist im Schockzustand, seine Finger krallen sich so sehr um das Lenkrad, daß seine Knochen weiß hervortreten. Die Augen immer noch weit aufgerissen, das Gesicht vor Entsetzen zu einer Fratze verzerrt, vergisst er zu atmen. Dann wird er ohnmächtig und sein Atemreflex setzt automatisch wieder ein. Er wird über ein Jahr brauchen um dieses Trauma zu verarbeiten und nie wieder einen Laster fahren. Aber Hinnerk fällt weich. Er hat eine liebevolle Frau die ihm eine große Stütze ist und seine Freunde und Kollegen in der Firma stehen voll und ganz zu ihm.