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Mittwoch, 6. August 2025

Urians Zorn: Teil 6 - Geisterschnaps


 

🍺 „Geisterschnaps“

„Also, eigentlich trinke ich keinen Alkohol. Höchstens ab und zu mal. Außerdem ist es wirklich 
noch ein bisschen früh für Bier.“

Ernst ging die Sache diplomatisch an.

Und er musste an Melissa denken. Sie war wirklich ein hässlicher Vogel, aber total nett. Und 
extrem schlau. Sogar für seine gehobenen intellektuellen Verhältnisse.

Sie hatten sich an der Uni kennengelernt, wo Melissa Psychologie studierte. Sie hatte ihm von 
dieser seltsamen Dynamik unter Frauen erzählt:

Oft sind eine bildhübsche doofe und eine weniger attraktive, dafür aber blitzgescheite die besten Freundinnen.

Bei Männern sei das ganz ähnlich, sagte sie:

„Da siehst Du oft einen, der strunzdoof, aber groß und stark ist, mit einem anderen abhängen, 
der sehr schmächtig, dafür aber hochintelligent ist. Beide, sowohl die beiden Frauen, als auch 
die beiden Männer, bilden eine Art Symbiose. Der eine hat, was dem anderen fehlt. Sie ergänzen 
sich gegenseitig.“

Das war die Komplementaritätshypothese nach Prof. Dr. Prügel-Peitsch (1969)

„Im Sozialverhalten gleichgeschlechtlicher Dyaden neigen asymmetrische
Persönlichkeitsmerkmale zur dyadischen Stabilitätskompensation.“
Ein Merksatz wie Donnerhall, der ihm seitdem nicht aus dem Kopf ging.
Im Laufe seines Lebens musste Ernst oft daran denken. So wie jetzt gerade.

Denn trotz der ruppigen Begrüßung war ihm dieser Grobian irgendwie sympathisch. 
Und er hatte ganz offensichtlich Humor.

„Sag mal, wie heißt du überhaupt?“ fragte Ernst Urian geradeheraus.

„Ich bin Urian Kauffmann. Malermeister seit 1882, jetzt in fünfter Generation.
  Mein Opa hat schon bei Kaisers gestrichen!“

Antwortete Urian und streckte seine Ernst seine klodeckelgroße Hand zum Gruß entgegen.

„Und Du?“ fragte er zurück.
„Ich bin Ernst…“
„Ja, das sehe ich, aber ich wollte wissen, wie Du heißt.“ unterbrach Urian ihn.

„Apotheker Ernst Graumann, du Blödkopp, der Witz war ja mal richtig neu,
den hat vorher nie einer gebracht!“

Ernst grinste.

„Kein Bier vor Vier, is‘ schon klar. Aber irgendwo auf der Welt ist es immer 
schon Vier. Und ich hab jetzt Lust auf’n Bier, also komm, sei kein Frosch und 
komm mit.“ sagte Urian, drehte sich um und war weg.

„Urian?“ fragte Ernst und sah sich um. Die Rettungskräfte kamen gerade anmarschiert. 
Aber keine Spur von Urian.

„Ernst? Was is‘ nu‘? Brauchst Du noch ´ne extra Einladung?“ So, wie er verschwunden war,
war Urian aus dem nichts wieder aufgetaucht.

Ernst protestierte: „Du warst auf einmal weg, wo warst Du?“

„Ach, ja..“ antwortete dieser. „Wir sind ja jetzt Gespenster. Ich habe an einen schönen Kneipenabend gedacht und, schupps, war ich da. Hmm.. wie machen wir das? Gib mir mal Deine Hand.“
Ernst reichte ihm seine Hand, Urian verschwand und kam zurück.

„Mist, so wird das nix.“ fluchte Urian.

„Sieh mir mal in die Augen“ forderte Ernst Urian auf und dieser drehte sich langsam 
zu ihm hin und blickte ihm direkt in seine kalten stahlblauen Augen.
„Und jetzt?“ fragte Urian.

Ernsts Nase war eine gute Armlänge von Urians Gesicht entfernt. Dennoch spürte er gut die Macht, die nicht nur von den dunklen braunen Augen des Riesen ausging. Auch wenn er jetzt ruhig und sehr entspannt aussah.

„Jetzt denk noch mal an diesen Ort, an den Du wolltest.“ Forderte Ernst ihn auf.

Dieses Mal gelang es. Beide Männer materialisierten in einer urigen Kneipe.

„Ahhhh… na, geht doch!“ freute sich Urian.

Es gab hier keine Uhren, aber es musste wohl schon zu vorgerückter Stunde sein. 
Viele Menschen redeten durcheinander, aber sie schrien nicht. Es herrschte offensichtlich 
gute Stimmung, aber man musste nicht schreien um sich zu verständigen.

Über den Köpfen der Gäste schwebten sanfte Farbschleier. Gelb. Orange. Gold. Die Aura 
glücklicher Menschen. Warm und weich wie altes Licht in einem Kindheitszimmer.

Ernst und Urian nahmen beide die schimmernde Aura der Menschen wahr. Die einen 
schimmerten etwas mehr, andere etwas weniger. Aber ihnen allen schien es hier gut zu gehen.

„Sieht so Glück aus, eine goldgelbe Aura?“ dachte Ernst und sah Urian an. Aber auch der sah sich mit großen Augen um dieser Anblick war auch für ihn neu.

„Chef, zwei Bier!“ rief Urian in Richtung Tresen. Und wurde komplett ignoriert. Kein lebender Wirt nimmt Bestellungen von Geistern entgegen. Aber das war bei Urian noch nicht ganz angekommen.

Mit offenem Mund großen Augen und völlig verständnislosem Blick blieb er stehen.
Ach ja… verfluchtes Geisterdasein! Jetzt war der Groschen gefallen.

Ernst stand noch zwischen den Tischen und fühlte sich fehl am Platz. Urian hingegen hatte es sich am Tresen gemütlich gemacht, oder besser: schwebte lässig davor, die Ellbogen aufgestützt, ohne dass es physikalisch Sinn ergab. Niemand nahm sie wahr. Natürlich nicht. Sie waren tot. Und trotzdem hier.

„Schöne Bude“, murmelte Urian und deutete mit dem Kinn auf einen besonders ausgelassenen Tisch.
„Wenn ich noch was schmecken könnte, würde ich sagen: dunkles Bier, fettiger Flammkuchen und eine Prise Wochenendfrieden.“

Ernst beobachtete die Lichtschlieren, die sich wie Polarlichter über den Tisch zogen.
„Interessant. Die emotionale Grundfrequenz ist stabil. Euphorisch, aber nicht entgrenzt. Eine wohltuende Mischung.“

Urian verdrehte die Augen.
„Alter. Du sprichst wie ein scheiß Röntgengerät mit Doktortitel.“

Ernst wollte kontern, da geschah es.
Ein lautes Lachen. Übertrieben.

Zu laut. Zu breit. Zu viele Zähne. Der Typ am Ende des Tresens hatte eben der Bedienung auf den Hintern geklopft und nannte sie „Zucker“, als wäre er in einem schlechten 80er-Jahre-Film steckengeblieben. Seine Aura war trüb. Fast grau. Nur ganz tief darin ein dünner Streifen Restlicht.

Urian: „Ja, das mit dem Bier geht leider nicht mehr. Schade. Aber Pass auf, ich zeig dir was.
Hmmm… der da.“

Ernst: „Warum der?“
Urian: „Weil er das perfekte Opfer ist. Offensichtlich ein Arschloch, außerdem ist er der schwächste hier.“
Ernst: „Der schwächste? Im Ernst? So wie ich das sehe, könnte er Dir sein Motorrad 5-10 Meter weit hinterher werfen!“

Urian: „Ja, äußerlich. Aber hast Du mal, überlegt, warum diese Typen sieben Tage die Woche in der Muckibude sind? Na, los... komm mit.“

Urian schwebte vor, Ernst folgte neugierig, aber mit festen Schritten. Immer noch mehr Mensch als Geist.

Ernst hob warnend die Hand. „Ich bin mir nicht sicher, ob das ethisch vertretbar ist.“

Urian grinste.
„Ich nenn’s Weiterbildung. Für Dich und für Ihn.“

Er stellte sich direkt hinter den Mann und legte ihm die geisterhafte Hand ganz vorsichtig auf den Nacken. Dabei berührten seine großen Hände sowohl den Kopf, als auch die Schultern des Mannes.

Zunächst passierte nichts. Außer, daß der Po-Klatscher plötzlich stillstand. Der Typ hielt inne, wie ein Tier, das plötzlich das Heulen im Wald gehört hat.

Dann änderte sich seine Aura. Von schwachgrau zu leuchtend weiß. Kein Licht aus Lampe oder Kerze sondern etwas Lebendiges. Angst. Rein. Unverfälscht. Genau so wie bei Toni, nur viel stärker.

Seine Augen weiteten sich. Der Atem wurde flach.
Dann drehte er sich abrupt um. Niemand. Nur Leere.
Er rieb sich über den Nacken. Zitterte kurz.

Ernst war wie elektrisiert.
„Faszinierend. Angst scheint über den epigastrischen Bereich diffus wahrnehmbar zu sein.
Könnte man klassifizieren… vielleicht als psychoplasmatische Resonanz?“

Urian schloss die Augen, sog die Luft ein, als würde er ein Glas kippen.

Dann grinste er.

„Ich nenn’s einfach Geisterschnaps.“

Ernst: Ich frage mich, ob man das auch in Flaschen abfüllen könnte.“
Urian: „Was glaubst du, warum der Vatikan Angst vor Gespenstern hat?“

 

In einer ganz anderen Ecke weit hinten in der Kneipe sitzt Marvin und spielt mit ein paar Freunden Dungeons and Dragons, ein Fantasy-Rollenspiel. Er ist voll und ganz in seinem Element.

Vier Gläser, ein Haufen zerknitterter Charakterbögen, bunte Würfel. Ein Spieler in einem schwarzen T-Shirt mit dem Aufdruck „+2 auf Sarkasmus“ trug gerade den Kampfbericht gegen einen untoten Lich vor.

Marvin hob beschwörend den Arm.
„Ich wirke Detect Evil and Good auf die Aura dieses Wesens.“
Er sah dabei so konzentriert aus, als würde er wirklich die Geisterwelt durchdringen.

Bis er Ernst und Urian sieht. Ja, Wirklich sieht, und ihm alles wieder einfällt, was ihm
Oma Rosa immer erzählt hat und worüber er immer gelacht hat.

 

Sonntag, 3. August 2025

Urians Zorn: Teil 1 - Urian Kauffmann


 

Urian Kauffmann ist Maler und Anstreicher in fünfter Generation. Sein Ururgroßvater Nathaniel gründete 1882 im zarten Alter von nur 21 Jahren die „Dekorationsmalerei Kauffmann & Söhne“. Ein stolzer Betrieb seither mit goldenem Firmenschild und
bleihaltigen Farben. Seitdem ging das Geschäft immer vom Vater auf den Sohn über.
Aber mit ihm kam auch ein uralter Fluch: schier unbändiger Zorn.

Alle Kauffmanns galten als jähzornige Gesellen. Zumindest so lange, bis sie selbst Vater wurden. Und so den Fluch an ihre erstgeborenen Söhne weitergaben. Dann wurde es besser.
Ein bisschen. Urians Vater hieß Uriel und wurde in seiner Jugend oft „der Engel“ genannt.
Als ironische Antwort darauf nannte er seinen Sohn Urian, nach dem Teufel aus Goethes „Faust“. Sein Leitspruch:

„Ich bin der Engel, du bist der Bengel.“

Urian selbst ist ein Mann wie ein Vorschlaghammer. Mit seinen 1,98 Meter, 132 Kilo geballter Masse und breiten Schultern wirkte er wie jemand, der Wände nicht streicht, sondern rausreißt. Wut war für ihn nie ein Fehler, sondern ein Grundzustand. Er war nie wirklich böse, aber immer kurz vorm Explodieren. Schon als Kind war er aggressiv, laut, unberechenbar. Er tat anderen weh, ohne daß er es beabsichtigte, aber es passierte trotzdem. Aber auch stets ohne jede Reue.

Eine japanische Freundin brachte ihm einmal Tai-Chi und Atemtechniken bei. Das brachte ihn für kurze Zeit ins Gleichgewicht. Doch das Glück zerbrach und mit ihm sein Gleichgewicht.

Urian wurde nie zum Wehrdienst eingezogen. Man munkelt, die Armee hatte Angst vor ihm. Schon ohne Waffe war er gefährlich genug. Welcher Ausbilder hätte mit so einem klar kommen sollen, erst recht in einem Land wie Deutschland, das seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges mehr Angst als Vaterlandsliebe kannte? In den USA, so heißt es, wäre er direkt
zu den Marines geschickt worden. Oder in eine Spezialeinheit für Menschen, die Türen nicht öffnen, sondern durch sie hindurchgehen.

Urian ist 45 und führt das Familienunternehmen mit harter aber gerechter Hand. Bei einem Auftrag in einem Fitnessstudio lässt er sich von einem schnippischen Spruch provozieren:

„Mach mal locker, Chef, die Maschine is‘ nix für Anfänger.“

Seine Antwort:

„Ich stopf dir gleich zwei Zehn-Kilo-Hanteln rein! Eine in dein freches Maul und eine in dein kleines Arschloch!“

Dann stemmt er. Über seine Grenzen. Zum allerersten Mal. Der Mann, der Sport nur aus dem Fernsehen kennt, stirbt.

 

Aus dem Arztbericht:
Der Verstorbene wurde leblos neben einer 70-Kilo-Langhantel aufgefunden, in einem Zustand fortgeschrittener Anstrengung, begleitet von signifikanter Hypertonie, zyanotischem Hautkolorit und ausgeprägter Gesichtsgrimasse.
Anwesende berichteten von einem finalen Laut („Hrrngh!“), gefolgt von einem unmittelbaren Kollaps.

Mutmaßliche Todesursache:
Akute kardiovaskuläre Dekompensation infolge hypertropher Hybris bei simultaner Gewichtsapplikation.
Laienhaft ausgedrückt:
Er hat’s übertrieben. Die Pumpe hat gestreikt, weil das Ego schwerer wog als die Hantel.

Anmerkung:
Trifft Testosteron auf Gravitation, kapituliert am Ende das Myokard.
Train hard, die young. Case closed.

gezeichnet
Dr. med. Philipp Pillermann
Facharzt für Pathologie & stoische Gelassenheit

 

Aber mit dem Tod kommt nicht etwa Erlösung, sondern Macht. Wie alle fühlenden Wesen sieht auch Urian das strahlende, verheißungsvolle Licht am Ende des Tunnels. Doch mit dem Licht, der Liebe, dem Willkommen der anderen Seite kommt auch die Erkenntnis.

Das, was war, was ist, was kommen wird.
Aber vor allem: Warum?

Warum und woher kommt all die Wut?
Woher der unbändige Hass auf alles und nichts?
Was war die Quelle des Zorns all der vergangenen Jahre?

Und Urian schwenkt ab von dem Licht. Jetzt hat seine Wut einen Fokus. Eine Richtung.
Eine Zielerfassung. Urian Kauffmann ist jetzt eine Cruise Missile aus purem Zorn.

 

Fortsetzung folgt... 

 

 

Urians Zorn: Teil 2 Ernst Graumann

 


Ernst Graumann ist hochgewachsen, dünn, blutleer. Ein menschlicher Flamingo in Grau.
Er ist das komplette Gegenteil von Urian: schmal, mit hängenden Schultern. Ein Mann wie ein aufrechtstehendes Rohr mit Brille im Kittel. Er ist Apotheker von Beruf, ein Mann der Wissenschaft, Ordnung und exakten Dosierungen. Aufgewachsen in der DDR, geprägt vom Misstrauen gegenüber allem, was Kontrolle ausübt. Ein Handy trägt er nicht bei sich, schon aus Prinzip:

„Nur Dienstboten müssen immer erreichbar sein.“

Ernst fürchtet die Überwachung, aus Erfahrung mit der Stasi. Er hat früh gelernt rechtzeitig genug schlau zu sein um nicht aufzufallen. Auch wenn jetzt vieles anders ist, er kommt aus seiner Haut nicht heraus. Als junger Mann hatte er mit Elektronik experimentiert, baute selbst ein Gerät zur Messung von Gehirnströmen das eigentlich mal Gedanken lesen sollte, für seinen Opa, der nach einem Schlaganfall nur noch sabbern konnte. Oder ein anderes das einen Roboterarm steuern sollte. Medizinische Geräte wie EEG, EMG, EKG, fMRT, PET, er kennt sie nicht nur, er weiß, wie sie gebaut sind, wie sie funktionieren und was sie bedeuten. Sein Vater fand jedoch:

„Erfinde lieber was Neues, womit man Geld verdienen kann, was praktisches!“

Ernst glaubt nicht an Gefühle. Er erlebt sie, aber wie durch eine Glasscheibe. Beobachtend. Analysierend. Er lebt das klassische Apothekerleben. Studiert, arbeitet, wird schließlich selbstständig und baut ein Haus. Aber kein Haus für Frau und Kind. Ernst Graumann baut ein Haus für seine Apotheke. Unten in der Ladenzeile sitzt er wie die Spinne im Netz und oben in den drei Stockwerken darüber lässt er viele verschiedene Ärzte einziehen. Auf diese Weise bezahlt sich das Haus von selbst. Die Ärzte zahlen Miete und ihre Patienten bringen zusätzliche Einnahmen in seine Apotheke, eine perfekte Symbiose. Geldsorgen hat er nie.

Aber sein Hobby aus Jugendtagen hat ihn nie ganz losgelassen. Auch wenn er mit Leib und Seele Apotheker ist, so beschäftigt er sich nach wie vor mit Elektronik, Computern und dem Internet. Er kommt gerade aus dem Schreibwarenladen nebenan, da packt ihn ein spontaner Gedanke. Also nimmt er sich sein neues eben gekauftes Notizbuch und beginnt, seine Gedanken aufzuschreiben. Bloß nicht vergessen, die Idee ist brillant, das könnte tatsächlich funktionieren!

Als er von dem LKW überfahren wird, spürt er einen Stoß. Keinen Schmerz. Keine Angst. Nur einen Druck, als ob ihn jemand geschubst hat. Nur das er immer noch auf dem Gehweg steht. Daß er stirbt, begreift er nicht sofort. Er steht auf dem Gehweg, sieht seinem eigenen Körper beim Sterben zu und sucht nach der versteckten Kamera. Polizei, Krankenwagen, Feuerwehr, alles um ihn herum wirkt wie eine Inszenierung. Wer schreit denn hier so?

Er sieht den Fahrer des LKW mit starrem Blick und weit aufgerissenen Augen.
Stumm wie ein Fisch, aber irgendwer schreit hier. Er blickt sich um und sieht seinen Nachbarn, den Inhaber von Radio- und Fernsehladen Klaus Blitz. Er greift nach seinem Handy und wählt mit offenem Mund den Blick starr auf das Telefon gerichtet. Er duckt sich, so als ob Granaten einschlagen würden und hält sich beide Hände an den Kopf. Dann geht er in den Laden nach hinten und damit außer Sicht.

Dann kommt das Licht und er hört eine Stimme, wie sie seinen Namen ruft.

Ernst hält das Licht zuerst für einen Scheinwerfer. Dann für einen Hubschrauber.
Vielleicht das Fernsehen. Oder ein UFO. Das Licht zieht ihn wie magnetisch an und er berechnet wie viel Tesla magnetische Feldstärke wohl im Spiel sind, aber er bleibt stehen. Wieder hört er seinen Namen.

„Ich gehe da nicht rein, ohne dass ich weiß, was das ist. Ich bin doch kein Idiot.“

Und so bleibt er. Ohne Angst. Ohne Neugier. Ohne Regung. Ein Geist, der nicht weitergeht, weil er auf Beweise wartet. Und plötzlich schießt es ihm durch den Kopf:

Gewichtskraft:                                   Fg​ = m
g = 65kg 9,81m/s² ≈ 637,65N
Magnetische Kraft (diamagnetisch) Fm​ = μ0​χ ​
V B B
Etwa 40 Tesla wären nötig, um mich da rein zu ziehen!

Das geht nur über Diamagnetismus – also Abstoßung, nicht Anziehung.
Selbst ein MRT schafft nur 1,5 bis 3 Tesla, aber die Amerikaner haben im Labor schon dauerhaft 45 Tesla erreicht! Also doch Außerirdische! Jetzt könnte er wirklich so eine Handykamera gebrauchen, denkt er. Aber anstatt dessen notiert er sich die Kraft und die Formel, die ich jetzt wieder eingefallen ist in sein neues Notizbuch.

Ernst glaubt, sein Ruhepuls schnelle Panisch von 60 auf 62 Schläge pro Minute, aber er irrt sich. Als er die lange rote Spur unter dem Zementlaster sieht, erkennt er das sich hier eine Tragödie abgespielt hat.

„Na, den hat’s gründlich zerlegt“, denkt er und will zurück in seine Apotheke gehen.
Aber als er vor der Tür steht, versagt der automatische Türöffner. Er hebt die Hand zum Bewegungsmelder und winkt, aber das blöde Ding reagiert nicht. Die Tür bleibt zu.
Er will den Griff packen und die Tür aufstoßen, da…

Was ist das? Seine Hand greift ins Leere!
Eine ganze Weile bleibt er vor der Tür so stehen.
Niemand geht hinein, niemand kommt heraus.
„Das kann doch nicht sein?!“ Sein Verstand muss das verarbeiten.

Zwei Polizisten kommen und die Apothekentür öffnet sich wie von Geisterhand.

Er geht noch vor den Polizisten hinein und sieht das bleiche Gesicht seiner Angestellten,
Susi Obendick, hinter dem Tresen an der Kasse.

Die Polizisten, ein Mann und eine Frau, bestätigen was die Pharmazeutisch-Technische Angestellte schon ahnt. Ihr Chef ist tot. Ernst steht dabei aber er kann es immer noch nicht glauben. Er sieht an sich hinab und stellt fest, daß alles in Ordnung ist. Arme, Beine, Kopf, Körper. Alles intakt. Er sieht auf die Uhr, eine edle 1990’er Rolex Datejust 36, deren silbernes Ziffernblatt matt im indirekten LED-Licht der Apotheke schimmert. Sie ist stehen geblieben. Der Sekundenzeiger ruht reglos auf der Fünf. Normalerweise bleibt eine Rolex nicht stehen, deswegen hat er sie unter anderem gekauft. Wegen ihrer Zuverlässigkeit und dem bekannten Perpetual-Rotor, der dafür sorgt, das die Uhr sich bei jeder Bewegung des Trägers selbst aufzieht. Aber jetzt stehen die analogen Zeiger seiner Uhr bei 14:42:05. Dem Zeitpunkt, wo der Laster über seinen schmalen Körper gerollt ist.

Die Polizisten überreichen der Angestellten eine Visitenkarte mit dem Aktenzeichen des Vorfalls und sind danach bald weg. Außer die traurige Nachricht zu überbringen, konnten sie nicht viel tun. Ernst Graumann hatte keine Angehörigen. Alle nahen Verwandten sind bereits verstorben. Nachdem das geklärt war, sprachen sie die in so einem Fall üblichen Floskeln und gehen wieder zum Tagesgeschäft über. Susanne Obendick führt das Geschäft noch bis Tagesende. Dann schließt sie ab und geht nach Hause. Sie mochte ihren Chef.

Susi und Ernst waren per Du, hatten aber ansonsten eine rein professionelle Beziehung.
Insgesamt arbeiteten vier Personen in der Apotheke. Neben Ernst Graumann als Chef war da Susi Obendick, die PTA mit dem besten Gedächtnis der Stadt sowie Frau Merten, die stille PKA im Hintergrund. Dazu kam Lena, eine junge Teilzeitkraft aus der Nachbarschaft, die montags und donnerstags nachmittags Regale auffüllte.

Susi war blass, aber gefasst. Sie bedankte sich höflich bei den Beamten, steckte die Visitenkarte in ihre Kitteltasche und ging zurück hinter den Tresen.

Es war nicht einmal ein bewusster Entschluss, eher ein Reflex. Die Uhr lief weiter, die Kunden kamen. Und sie machte weiter. Dass sie eigentlich hätte schließen müssen, war ihr erst klar, als der letzte Kunde mit seiner Nasensalbe die Tür hinter sich schloss. Deutsche Gesetze und so, keine Apotheke darf ohne Apotheker laufen. Eigentlich. Eine öffentliche Apotheke darf nur unter der ständigen persönlichen Leitung eines approbierten Apothekers betrieben werden. Ohne anwesenden Apotheker darf weder beraten noch ein Arzneimittel ausgegeben werden egal wie qualifiziert das Personal sonst ist (also auch keine PTA oder PKA). Also, streng genommen hätte sie nicht einmal Pflaster verkaufen dürfen, wenn Ernst auf Klo war. Ernst hatte ihr erzählt, daß so etwas schnell mal €25.000,-- Strafe kosten kann.

Jetzt kramte sie Zettel und Klebeband aus der Schublade und schrieb mit fester, sachlicher Handschrift:

„Wegen eines Trauerfalls bleibt die Apotheke bis auf Weiteres geschlossen.“

Frau Merten hatte am Nachmittag versucht, den alten Kollegen Dr. Ruhland zu erreichen, einen pensionierten Apotheker, der früher in Altona eine eigene Apotheke geführt hatte. Vielleicht konnte er die Vertretung übernehmen, bis alles geklärt war. Drei Monate blieben ihnen, sagte sie. Drei Monate, bis die Behörden die Apotheke dichtmachten, oder jemand Neues den Laden übernahm.